Quirinusforschung endet nie. Mehr als vier Jahrzehnte spüren die St. Quirinus‘ Schötzejeselle dem Neusser Heiligen nach – und immer wieder fördern sie mit detektivischen Fähigkeiten Neues zu tage. Mit Rad und Auto machte sich nun eine stattliche Delegation aus Neuss – darunter viele Mitglieder der Bürgergesellschaft mit Präsident Johann-Andreas Werhahn an der Spitze – auf den Weg nach Kaarst. Genauer gesagt: das Holzbüttger Haus war das Ziel. Die spannende Geschichte dieses Rittergutes reicht bis ins 14. Jahrhundert zurück. Es stand dort, wo heute der Baubetriebshof der Stadt Kaarst und das Georg-Büchner-Gymnasium das Landschaftsbild prägen; das Gymnasium führt gar die Postanschrift Am Holzbüttger Haus 1.
Die Spurensuche auf dem Areal südlich des Nordkanals, am Rande des Büttgener Waldes lohnt. Eine Info-Tafel – der Text ist allerdings nur noch schwer lesbar – berichtet über das Holzbüttger Haus; die Bepflasterung zeichnet die alten Grundmauern nach. Wer sich zu Fuß vom Parkplatz Am Bauhof 2 auf den Weg macht, die Info-Tafel und die „Grundmauern“ rechts liegen lässt, den führt ein Pfad durch dichtes Grün zu einem Nebengebäude des städtischen Baubetriebhofes, in dem Sozialräume für die Belegschaft untergebracht sind. Zwar stoppt ein Maschdrahtzaun den Besucher, er gewährt dem Gast aber einen freien Blick auf die Eingangstür und den mächtigen Wappenstein oberhalb des Portals: die neun „Punkte“, die Attribute, die unzweifelhaft auf den heiligen Quirinus von Neuss verweisen, sind unübersehbar!
Was hat Quirinus mit dem Holzbüttger Haus zu tun? Die kurkölnische Burg, auf einer Motte errichtet, sollte einst den Handelsweg in die Niederlande sichern … und war fortwährend in die Auseinandersetzung der niederrheinischen Dynastien um die Vorherrschaft im Rheinland involviert. Sie wurde mehrfach zerstört und immer wieder aufgebaut. 1419 wurde das Anwesen an die damalige Äbtissin des Neusser Quirinusstiftes, Klara Gräfin von Mörs, verpfändet. Seither gehörten Gut und Ländereien zum Neusser Damenstift.
Die Äbtissinen führten fortan den Titel einer ‚Herrin von Holzbüttgen‘, sie und ihre Damen nutzten das Haus als Sommerresidenz und ließen es von Pächtern bewirtschaften. Nach schweren Verwüstungen wurde der Gutshof 1790 einmal mehr wieder aufgebaut. Bauherrin war dabei die letzte Äbtissin des Quirinusstiftes, Maria Felicitas Augusta Freiin von Wallbott-Bassenheim zu Bornheim, ‚Herrin von Uedesheim und Holzbüttgen‘. Ihr Wappen pragte über dem Hauptportal des Bauhofs.
Doch schon bald kam Napoleon mit seinen Truppen und in der sogenannten Franzosenzeit wurden Stift und die zugehörenden Liegenschaften enteignet (säkularisiert). Pächter sorgten in der Folge für die landwirtschaftliche Nutzung; zuletzt die Familie Berrisch. Nach dem Abriss der Aufbauten 1965 wurden das Gymnasium (1979) und später der Baubetriebshof (1985) auf dem Gelände errichtet. Heute ist der Wappenstein an der Fassade eines schmucklosen Funktionsbaus zu sehen – als letztes Überbleibsel des einst stolzen Holzbüttger Hauses mit langer Geschichte und historisch bedeutender Tradition (und direkter Verbindung nach Neuss).
Die Besucher von Bürgergesellschaft und Schötzejeselle dankten Peter Dieter Schnitzler, der einen gerafften Überblick über das Holzbüttger Haus und dessen Quirinus-Bezüge gab. Schnitzler forscht und publiziert vor allem zu Themen auf der Neusserfurth. Ludger Baten, Jeselle-Baas und „Bürger“-Vorstand, erinnerte daran, dass es der Neusser Karl Remmen war, der bei seiner Suche nach der Quelle und dem Verlauf der heute „verschwundenen“ Krur nicht nur auf das Holzbüttger Haus stieß, sondern auch den Wappenstein mit Quirinus-Bezug ins Bewusstsein holte. Remmen nahm ein Foto vom Wappenstein in sein Buch „Die Krur“ auf, das 2012 von der Vereinigung der Heimatfreunde Neuss herausgegeben wurde.
Baten dankte so dann der Stadt Kaarst, die auf Vermittlung von Pressesprecher Peter Böttner Quellen im Stadtarchiv zugänglich machte und auch den Ortstermin ermöglichte. Demnächst soll der Baubetriebshof (zum Teil) abgerissen und neugestaltet werden. Was wird mit dem „Quirinus“-Wappen? Eine Entscheidung sei noch nicht gefallen. Böttner habe aber, so Baten, versprochen, dass sich die Stadt dieses „Schatzes“ bewusst sei, den Erhalt gewährleiste und für eine angemessene Präsentation sorgen werde.
Für die Quirinus-Detektive aus Neuss endete die Exkursion mit einem kleinen Grillfest auf dem Tönishöf im Norden von Kaarst, der Dank dem Verein Culture without Borders und der Ideen von Helge Achenbach zu einem Park der Sinne, zu einem Ort der Kunst, der Begegnung und des gepflegten Dialogs geworden ist.
22.8.2028 Ludger Baten
Anlagen
Hintergründe aus der Geschichte (Quelle und Zitate aus: Beiträge zur Geschichte der Kreise Neuss und Grevenbroich, Beträge der Neuss-Grevenbroicher Zeitung – NGZ -, Jahrgang I (1899) – Jahrgang VII (1905), herausgegeben als Veröffentlichung Nr. 2 des Kreisheimatbundes Neuss e.V., Neuss 1992). Zusammengestellt und vorgetragen von Peter-Dieter Schnitzler, 13.8.2026, auf einer Veranstaltung der SG, mit starker Beteiligung von BG Mitgliedern.)
Das Holzbüttgener Haus, eine Wasserburg
Unter der Äbtissin Heilewigis, einer Tochter des Pfalzgrafen Ezzo, ordnete Anno II., Erzbischof von Köln, 1074 die Stiftsverhältnisse (im Kölner Fürstbistum), in dem er die dem Quirinusstift und der kölnischen Kirche bis dahin gemeinsamen Erbgüter teilte, und so Neuß zu einer selbständigen, bürgerlichen Gemeinde unter Schöffen erhob. Und damit den Grund zu einer städtischen Entwicklung legte. (Beiträge zur Geschichte, Jg V, S.19).
Im letzten Jahr der Amtsverwaltung der Abtissin Sophia aus dem Hause von Wevelinghoven begann der Meister Wolbero 1209 den Bau der großen und schönen Stiftskirche zum h.Quirinus. (V/19)
Im Jahr 1363 wurde Ritter Johann von Holzbüttgen durch Erzbischof Kuno von Köln zum Amtmann von Kempen und Ude (Oedt) ernannt. (Vl/2)
Klara Gräfin von Mörs war eine Jubilar-Abtissin, die weit über fünfzig Jahre, nämlich von 1397 bis 1459 dem Quirinusstift vorstand. Sie erwarb 1458 das Haus Holzbüttgen mit ausgedehnten Ländereien, Wiesen und Waldungen und·vier kleinere Höfe. Die Äbtissinnen führten seitdem den Titel einer Herrin von Holzbüttgen. (V/19)
Um 1480 befand sich in dem zur Quirinus-Abtei gehörigen Walde von Holzbüttgen eine Einsiedelei zum h. Antonius, in der ein Neusser Tertiarier, der berühmte Heinrich von der Blume, der Stifter des Klosters St. Nikolaus, weilte. Der hl. Nikolaus war auch der Patron einer Seiten-Kapelle der Quirinuskirche für eine Brüderschaft von Seefahrern, die hier zu jener Zeit bestand, als Neuss zur Hanse gehörte und seine Kaufherren auch nach den Ländern jenseits der Nordsee Handel trieben. (11/41)
Im Jahre 1547 heiratet Jakob von Holzbüttgen Margarethe, die Tochter des kölnischen Senators und Bannerherrn Matthias von Stommel. (Vl/2)
Zum Bau des Pfarrhauses in Heerdt (heute Düsseldorf) nach einem Erdbeben erlaubte (nach 1769) die Äbtissin Felicitas Auguste Freiin von Bassenheim zu Bornheim, Frau zu Uedesheim und Holzbüttgen 400 Taler aufzunehmen; der Pfarrer und seine Nachfolger hätten außer den Zinsen jährlich 12 Taler aus den Pastoral-Revenuen bis zur völligen Abtragung zu zahlen. (l/42)
Dieselbe Maria Felicitas Augusts wurde durch die 1794 an den Rhein vorrückenden Franzosen schon bald gezwungen, die Stiftsgebäude zu räumen. Am 9. Juni 1802 folgte die endgültige Auflösung des Stifts. Der die Pfarre verwaltende Stiftskanonikus Jakob Poll wurde Kantonal-Pfarrer. Das Stammwappen der Familie Wallbott ist ein von Silber und rot zwölfmal geständerter Schild. (V/21) (siehe aktuelles Foto)
Zitiert nach: Beiträge zur Geschichte der Kreise Neuß und Grevenbroich, Beilage der Neuß-Grevenbroicher Zeitung, Jahrgang 1 (1899) -Jahrgang VII (1905), herausgegeben als Veröffentlichung Nr. 2 des Kreisheimatbundes Neuss e.V., Neuss 1992
Text: Peter-Dieter Schnitzler
Seit 1345 Ritter von Holzbüttgen, als kurkölnische Lehnsleute, erbte 1379 Ritter Heinrich IV., Vogt von Neersen, die Burg. Dessen Sohn Heinrich V. verpfändete sie 1419 der Äbtissin des Neusser Quirinusstifts, Klara Gräfin von Mörs, die es 1458 erwarb.
Prekäre Lage der Burg am Handelsweg zu den Niederlanden und in Grenznähe zum Herzogtum Jülich. Häufig umkämpft, zerstört und wieder aufgebaut. Im Truchsessischen Krieg wurde das Burghaus 1584 (von spanischen Truppen) völlig zerstört. Der letzte Wiederaufbau und gleichzeitig Umbau zu einem landwirtschaftlich geführten Hof war 1790 beendet. Bauherrin war Maria Felicitas Augusta, Äbtissin des Neusser St. Quirinusstifts.
Sie musste erleben, wie der Hof schon 1794 durch den französischen Staat enteignet wurde. Ihr Wappen befindet sich heute über der Eingangstür eines zum Bauhof (der Stadt Kaarst) gehörenden Hauses. Der damalige Pächter des Hofes, Johann Josephs, inzwischen Bürgermeister von Holzbüttgen, kaufte den Hof.
Seine Familie bewirtschaftete ihn bis 1871. Danach wechselten die Betreiber. 1965 fiel das baufällige Anwesen dem Abriss zum Opfer. 1976 erwarb die Stadt Kaarst das Areal und begann 1979 mit dem Bau des Georg-Büchner-Gymnasiums. Bei den Aushubarbeiten für den Bauhof 1985 stieß man auf die Fundamente von Haupt- und Vorburg. Die Mauerreste wurden ausgegraben, archäologisch gesichert und sandverfüllt. Eine Bepflasterung in Form der Grundmauern und eine Informationstafel erinnern an den Rittersitz. Sowohl Gymnasium als auch Bauhof liegen auf dem Gelände des ehemaligen (Neusser) Holzbüttger Hauses.
Quellen: Hans Georg Kirchhoff: Geschichte der Stadt Kaarst, Kaarst 1987. – Beiträge zur Geschichte der Kreise Neuß und Grevenbroich, Veröffentlichung des Kreisheimatbundes Neuss e.V. Nr. 2, Neuss 1992. – G. Waldmann/S. Schröder: Die Nordkanalniederungzwischen Kaarst und Schiefbahn, Nümbrecht-Elsenroth 2005. Karl Remmen: Die Krur, Neuss 2012. -Wikipedia „Am Holzbüttgener Haus“, abgerufen am 2. Juni 2025.
Text: Peter-Dieter Schnitzler