Nahezu alle Kulturen und Religionen kennen eine Zeit des Fastens. Natürlich auch das Christentum: 40 Tage der Vorbereitung auf Ostern. Es ist gute Tradition, dass die Bürgergesellschaft zu Neuss alljährlich in dieser Jahresphase einen Abend mit “Gedanken zur Fastenzeit” anbietet. Die Idee dazu hatte einst Msgr. Robert Kleine (58), der aus Neuss stammt, heute Dom- und Stadtdechant in Köln ist und viele Jahre dem Vorstand der Neusser Bürgergesellschaft angehörte. Nach ein paar Jahren der Pause kehrte Kleine nun in “seine Bürger” zurück, stellte Jakob und seinen Traum von der Himmelsleiter (“Jakob in Bet-El”; Gen 28,10-22) in den Mittelpunkt seiner “Gedanken zur Fastenzeit”, die er, umso mehr je länger sein Vortrag währte, als eine Zeit des Neuanfangs interpretierte.

25 Gäste im Gesellschaftshaus an der Mühlenstraße folgten dem Redner gebannt bei seinem 45-minütigen Vortrag und entließen ihn mit herzlichem Beifall. Als Dank überreichte “Bürger”-Präsident Johann-Andreas Werhahn (70) dem Redner eine genehmigte Kopie eines sakralen Reliefs des Neusser Bildhauers Heinrich Eichhoff, der auf einer (fast) quadratischen Metallplatte die Madonna mit dem Christuskind ins Zentrum stellt und mit Portraits von Heiligen umgibt, die alle einen Neuss-Bezug haben. Unten rechts auf einem Schild sind die Konturen der Quirinuskirche zu sehen.

Robert Kleine nahm seine Zuhörer mit auf die Himmelsleiter (“Dort ist für alle Platz”), die hinauf zum Himmel, aber auch runter auf die Erde führt: “Da berühren sich Himmel und Erde!” Die österreichische Künstlerin Billi Thanner hat so eine Himmelsleiter geschaffen, die seit Herbst 2025 am Domforum in Köln zu sehen ist – im Gebäude auf der Erde fußt, oberhalb des Erdgeschosses an die Außenfassade wechselt und so eine leuchtende Verbindung zwischen Himmel und Erde schafft. Im Advent wurde dort, wo die Leiter fußt, die Krippe aufgebaut. So sollte mit Hilfe der Leiter gezeigt werden, dass Gott zu den Menschen auf die Erde herab gestiegen ist und ihnen das Licht gebracht hat. Die Botschaft von Weihnachten.

Doch, so Kleine, wer sich in dieser Welt umschaue, der könne den Eindruck gewinnen, “dass Frieden ein Fremdwort geworden” sei. Dabei sei “all unsere Sehnsucht auf Frieden und Licht” ausgerichtet: “Nutzen wir die Fastenzeit, um Frieden zu schaffen. Frieden mit mir selbst, Frieden mit Menschen in meinem Umfeld. Frieden mit Gott.” Kleine endete mit dem Verweis auf die berühmte Darstellung “Der Traum des Jakob” von Marc Chagall, die in Nizza ausgestellt ist. Chagall habe sich 25 Jahre lang intensiv mit dem Thema der Himmelsleiter und dem Traum des Jakob beschäftigt und sei selbst nach den Schrecken des Krieges, “nach 1945”, zu der versöhnlichen Erkenntnis gelangt, ein Neuanfang sei möglich, “wenn sie denn bereuen”.

Text: Ludger Baten
Foto: Ludger Baten

2026 02 24

Auszug – wir hören das Gedicht:

„Himmelsleiter von Doreen Kirsche:

Hallo, lieber Mensch da unten, ich seh dich weinen, manche Stunden, seh die Trauer, all die Tränen, drum möchte ich hier und jetzt erwähnen:

mein Erdenkleid, ich zog es aus, weil ich’s nicht brauche, hier Zuhaus, doch trotzdem bin ich dir ganz nah, in deinem Herzen immer da.

Ich zähle wahrlich jeden Schlag, glaube mir, wenn ich dir sag, nur jener, den man nicht vermisst, in Wahrheit auch gestorben ist.

Und weil ich dir im Leben fehle, bin ich Teil von deiner Seele, bin ich ein Teil von deinem Sein, niemals lass ich dich allein.

Versteh, ich bin doch nur Zuhaus, ich ging nicht fort, nein nur voraus, ich ging dorthin, wo’s einst begann, wo wir uns treffen…

irgendwann.

Nun leb, weil’s doch nichts Schönres gibt, ich hab das Leben auch geliebt, lächle wieder….

Schritt für Schritt, lächle einfach für mich mit.

Nichts und niemand kann uns trennen, auch das nicht, was wir Sterben nennen, der Tod kann Liebe nicht vertreiben, weil du mich liebst, drum darf ich bleiben.

Fährt nun der Wind dir sanft durchs Haar, glaub daran, dass ich es war, ich sitze auf der Himmelsleiter und lieb dich hier von oben weiter.

Doreen Kirsche“