Rainer Leurs NGZ 18.2.2026 „NEUSS„Es gibt Menschen, über die erzählt man sich Geschichten. Und es gibt Menschen, von denen erzählt die Geschichte.“ – Mit diesen Worten setzte Pfarrer Sebastian Appelfeller am Dienstagvormittag den Ton in der Dreikönigenkirche. Weil Rita Süssmuth natürlich beides war: Politikerin und Mensch. Bundestagspräsidentin, Ministerin – aber eben auch Mutter, Oma, Ehefrau. Diese zwei Seiten miteinander in Einklang zu bringen, beidem gerecht zu werden – das war der rote Faden in dieser ganz besonderen Auferstehungsmesse, mit der Neuss Abschied nahm von seiner Ehrenbürgerin.
Seit Tagen schon hatte Betriebsamkeit auf dem Hauptfriedhof geherrscht. Die alte Kapelle wurde geputzt, rechts und links Fahnenschmuck aufgezogen. Wege wurden neu mit Kies bestreut, Grabfelder geharkt, Sträucher geschnitten. Und weil Parkplätze immer knapp sind an der Dreikönigenkirche, richtete die Stadt sogar einen Shuttlebus-Fahrdienst für Trauergäste ein. Die Quirinusstadt bereitete sich sorgfältig vor auf den 17. Februar.
89 Jahre alt wäre Rita Süssmuth an diesem verregneten Karnevalsdienstag geworden, bewusst hat die Familie den Termin für ihre Beisetzung und die vorherige Seelenmesse ausgesucht. Am Ende ist die Kirche so voll, dass einige Gäste hinten stehen müssen.
Weithin sichtbar steht vor dem Altar der mit Blumen geschmückte Sarg aus hellem Holz. Und sollte noch jemand einen Beleg gebraucht haben für die politischen Spuren, die Rita Süssmuth in Bonn und Berlin hinterlassen hat, dann reicht ein Blick auf all die Trauerkränze, die man neben den Sarg drapiert hat: vom Bundespräsidenten. Von der Bundestagspräsidentin. Vom Bundeskanzler. Und dazwischen, auf einer schwarzen Staffelei: ein Foto von Rita Süssmuth, auf dem sie lächelt.
„Sie hätte sich gefreut, uns alle hier zu sehen“, sagt Appelfeller und meint damit die kleine Schar Geistlicher, die sich in ökumenischer Eintracht hinter dem Altar versammelt hat: Pfarrvikar Michael Tewes, der – ebenfalls auf ausdrücklichen Wunsch der Familie – die Messe zelebriert, außerdem neben Appelfeller selbst als Konzelebranten der Kreisdechant Hans Günther Korr und der Neusser Oberpfarrer Andreas Süß. Und schließlich kommt auch Bert Römgens zu Wort, der Süssmuth als „wahre und treue Freundin des jüdischen Lebens in Deutschland“ würdigen wird.
Tewes, der 2020 auch schon die Beisetzung von Hans Süssmuth leitete, zeichnet in seiner Predigt den Lebensweg der Verstorbenen nach: ihren beruflichen und politischen Werdegang, ihr Engagement für die Gleichberechtigung der Frau und im Kampf gegen Aids, auch ihre Verantwortung, die getragen gewesen sei vom christlichen Menschenbild und von ihrem Glauben. Aber Tewes, der die Familie Süssmuth gut kennt, porträtiert die Neusser Ehrenbürgerin auch ganz persönlich – erzählt also ebenjene Geschichten, die einen Menschen erst ausmachen. So ist die Rede von Süssmuths Nachtaktivität und ihren langen Gesprächen mit Freunden und der Familie. Von der Nachtischliebhaberin, die im Restaurant immer erst die Dessertkarte taxiert. Von der Mutter und Oma, die im Ferienhäuschen in Oostkapelle Waffeln backt. Und ihre Enkel dazu anhält, bestimmt auch jeden Abend die Tagesschau zu gucken. „Vor Gott“, sagt Tewes, „sind wir nicht zuerst Amt, sondern Mensch“.
Dennoch darf natürlich eine Würdigung ihres politischen Wirkens nicht fehlen. Und dabei schlägt Tewes auch einen Bogen in die Gegenwart. „Demokratie lebte für Rita Süssmuth vom Dialog, von Diskussionen, auch vom Streit“, sagt er. „Sie wusste aber auch: Dieser Wettstreit der Meinungen braucht Maß und gegenseitigen Respekt. Wenn man sich die heutigen Debatten anschaut, dann fehlt das oft.“
Tränen in den Augen haben viele Trauergäste dann beim Auftritt von Claudia Süssmuth-Dyckerhoff, die sich mit einer Ansprache an ihre verstorbene Mutter wendet. Es sind starke und ehrliche Worte, über den langen Abschied, die Leidenszeit der letzten Wochen. Und auch hier der Blick auf die zwei Seiten Rita Süssmuths – einerseits die unermüdliche Politikerin mit Energie für zwei, andererseits die Privatperson. „Manchmal hätte ich mir gewünscht, sie wäre meine Tante, und nicht meine Mutter“, sagt Süssmuth-Dyckerhoff ohne Bitterkeit, und man ahnt, was das bedeutet: Wenn die Mutter eine öffentliche Person ist und die Familie oft warten muss. Vor allem die Rolle ihres Vaters Hans hebt Süssmuth-Dyckerhoff hervor. „Mir kam er in all den Nachrufen über meine Mutter zu kurz“, sagt sie. Er habe seine Frau immer unterstützt und ihr die Energie gegeben, die für ihre Lebensleistung nötig war. „Er war ihr Backbone. Ihr gehörte seine uneingeschränkte Liebe, seine Unterstützung, seine Loyalität in allem, was sie tat.“
Zum Schluss stimmt eine Sopranistin das „Ave Maria“ an, und sechs Männer tragen die Neusser Ehrenbürgerin auf ihrem letzten Weg hinaus in den Februarregen. Noch einmal stehen die Trauergäste Spalier und werfen einen Blick auf den schlichten Sarg. Rita Süssmuth wird um 12.30 Uhr auf dem Hauptfriedhof beigesetzt, im engsten Familienkreis, neben ihrem Hans.
Das letzte Wort, die Aussegnung ist schon gesprochen, hat in der Dreikönigenkirche Bert Römgens. Er hebt Süssmuths „warme, zugewandte Herzlichkeit“ hervor, ihre Haltung, ihren tiefen Respekt. „Sie war einfach a Mensch“, sagt er an die Gemeinde gerichtet. „Einfach a Mensch.““