Die Neusser loben gern ihren Bürgersinn, ihr oft ehrenamtliches bürgerschaftliches Engagement für ihre Stadt und die sie tragende Gesellschaft. Genau an diesem Punkt holt der Bürgermeister die Menschen nun ab: „Es kommt auf uns alle an! Gestalten Sie mit!“ Er sei bereit, den Bürgern mehr direkten Einfluss zu ermöglichen: „Dann soll doch die Bürgerschaft entscheiden, ob wir ein innerstädtisches Bad behalten oder ob wir mit zwei Bädern an der Peripherie der City auskommen.“ Auch die Frage nach der Straßenbahn-Trasse könne und müsse – wenn erforderlich – erneut von den Bürgern beantwortet werden.

Bereits am sechsten Tag seiner dritten Wahlperiode, die am Allerheiligen-Tag begann, besuchte Bürgermeister Reiner Breuer (56) die Bürgergesellschaft, deren Mitglied er seit 2012 ist und damit vor seiner ersten Wahl. Der Rathaus-Chef nutzte, wie schon nach seiner Wahl zum Neusser Bürgermeister 2015, den Rahmen des traditionellen Gänseessens, um vor 70 Gästen seine „Regierungserklärung“ für die kommenden fünf Jahre zu skizzieren. Dabei wurde Breuer nicht müde, seine Neusser aufzufordern, aktiv ihre Stadt und das Stadtbild mitzugestalten. Sich sieht er dabei in der Rolle „des Motors und Moderators“.

Erneut lud Reiner Breuer die CDU ein, mit der SPD einen „Pakt für Neuss“ zu schließen: „Das bleibt meine Wunschvorstellung!“ Nun sei es zunächst eine Listenverbindung geworden, bei der unter Einbindung von Bündnis 90/Die Grünen sowie FDP/UWG-Freie Wähler die drei Stellvertretenden Bürgermeister, aber auch die Ausschuss-Vorsitzenden in weiten Teilen ausgesteuert wurden. Aber Breuer wünscht mehr als nur die Verständigung auf „Posten und Pöstchen“, er fordert: „Klare Perspektiven, Verlässlichkeit und Mitarbeit!“ Dabei sprach er den „lieben Axel“ direkt an; der Neusser CDU-Vorsitzende Axel Stucke war anwesend und wie Breuer schon im Frühjahr als „aussichtsreicher Bürgermeister-Kandidat“ von der Bürgergesellschaft eingeladen worden. „Es ist sehr fair, dass Sie heute auch als unterlegener Mitbewerber zu uns gekommen sind“, sagte „Bürger“-Präsident Johann-Andreas Werhahn in seiner Begrüßung.

Mit Priorität gehe die Stadt, so Breuer, die Revitalisierung des Kauf-Komplexes an, wo bis zu 50 Millionen Euro investiert würden. „Im großen Umfang“ werde dort Wohnen, vor allem auch Wohnen für Senioren, etabliert, dazu sollen ein Gesundheitszentrum und (Lebensmittel-)Einzelhandel „mit Markthallen ähnlichem Charakter“ entstehen. Auch auf die Landesgartenschau 2026 dürften sich die Neusser freuen: „Die LaGa wird ein großer Erfolg“ und der entstehende Park ein Erlebnis für alle Generationen. Und verändere Neuss auf Dauer. Damit rücke die Stadt auch wieder näher an den Rhein: Bis zu 1000 neue Wohnungen sollen errichtet werden! Weitere 700 Einheiten werden auf dem Areal der ehemaligen Schraubenfabrik gebaut. Die Deutsche Bahn saniere zudem den Hauptbahnhof: „Baubeginn ist noch im November 2025!“

Vor den Mitgliedern der Bürgergesellschaft lobte Breuer die florierende Wirtschaft, die im laufenden Jahr die Gewerbesteuer-Rekordsumme von knapp 240 Millionen Euro in die Stadtkasse fließen lasse. Das stolze Ergebnis sei natürlich nicht allein sein Verdienst, sondern fuße auf einer seit Jahren betriebenen wirtschaftsfreundlichen Politik im Rathaus und ausreichend bereitstehenden Flächen mit passender Infrastruktur. Doch jetzt gelte es, für Politik und Verwaltung wieder zu handeln: „Wir haben zu wenig Gewerbeflächen!“

Eine Herausforderung bleibe das Thema Sicherheit und Sauberkeit: „Neuss muss objektiv sicher sein und die Neusser müssen sich auch sicher fühlen!“ Breuer sprach sich für mehr Video-Überwachung aus und für mehr Präsenz von Polizei und kommunalem Ordnungsdienst. In dieser Frage seien sich die großen Ratsfraktionen von CDU und SPD auch einig.

Bei so viel Harmonie lenkte der Bürgermeister den Blick auch noch auf eine Sollbruchstelle: die Kreisumlage. Zwar sei die neue Landrätin Katharina Reinhold freundlich und konstruktiv in die Gespräche mit den Bürgermeistern der acht kreisangehörenden Kommunen gestartet, doch Fakt bleibe, dass Neuss, das bereits knapp 130 Millionen Euro an den Rhein-Kreis überweise, in 2026 weitere zusätzliche 19 Millionen Euro Kreisumlage berappen soll: „Im Kreis steht der Haushalt in Flammen!“ Breuer kündigte an, die Frage der Kreisumlage mit der Frage der Kreisfreiheit zu verknüpfen: er strebe einen „New Deal“ an. Im Klartext: der in der Bürgergesellschaft diskutierte „Nexit“ bleibe Thema, solange die Umlagelast für Neuss nicht abgemildert werde.

Mit klarem Kompass geht Bürgermeister Reiner Breuer in die kommenden fünf Amtsjahre – diesen Eindruck versuchte der alte und neue Rathaus- und Verwaltungschef zu vermitteln. Dabei wolle er der „Meister der Bürger“ sein und die Menschen mitnehmen, ihre Stadt zu gestalten: mit Kreativität, Zuversicht und Mut. Seine Zuhörer dankten an diesem besonderen Abend in der „Bürger“ mit freundlichem Beifall.

Fotos: Miriam Lenz

Text: Ludger Baten